Ökoroutine: Strukturen ändern, statt Menschen

Gastbeitrag von Dr. Michael Kopatz

Hat der Konsument die Macht?

Der Nachhaltigkeitsdiskurs ist nach wie vor geprägt durch den Glauben an die Macht des Konsumenten. In der Umweltbewegung wird über das »richtige« Verhalten so viel geredet wie über das Wetter. Die Theorie: Wir motivieren die Menschen, zu »strategischem Konsum«. Wenn die Bundesbürger nach und nach auf Ökostrom umstellen, müssen am Ende die Versorger ihre Angebote entsprechend umstellen. Produzenten nehmen dieses Argument dankbar auf, verlagert es doch alle Verantwortung zum Konsumenten. Auch die Politik wiederholt permanent das Mantra vom umweltbewussten Verhalten und kann sich so vor unbequemen Entscheidungen drücken.

Doch in der Praxis sind die Menschen nicht ohne Weiteres dazu bereit, ihre Gewohnheiten und Routinen zu ändern. Das gilt noch viel mehr, wenn sich der persönliche Vorteil einer Umstellung nicht sogleich erschließt. Offenbar ist nur ein kleiner Teil der Gesellschaft geneigt, allein aus altruistischen Motiven, etwa auf Ökostrom umzustellen. Selbst wenn er nicht teurer ist, stellt sich die Frage, durch welchen Impuls von außen, die Bürgerinnen und Bürger die Umstellung in Erwägung ziehen.

Dabei ist der Wechsel des Versorgers noch leicht. Doch wer ist schon bereit seine Autoroutine zu ändern? Zumal sich jeder denkt: Was bringt es schon, wenn ich den Wagen stehen lasse und meine Nachbarn fahren weiter wie bisher?  Kollektiv wollen wir den Wandel, individuell möchten nur wenige den Anfang machen.

Routinen

Als Routine bezeichnen wir das, worüber man nicht mehr nachdenkt, nicht mehr nachdenken muss. Das macht Routinen so nützlich. Sie entlasten uns und ermöglichen es, dass wir uns auf das konzentrieren, was eine bewusste Entscheidung verlangt. Anders wäre der Alltag gar nicht zu bewältigen. Routinen könne sich aber auch ändern. Etwa durch dramatische Ereignisse, wie etwa ein Lebensmittelskandal oder durch Veränderungen im sozialen und objektiven Umfeld. Ökoroutine spricht hier von Standards und Limits.

Standards

Gerade im Energiebereich gibt es inzwischen bereits zahlreiche Beispiele dafür, dass das Konzept der Ökoroutine funktioniert. Das gilt etwa für den Kauf effizienter Haushaltsgeräte. Noch vor einigen Jahren standen die Verbraucher beim Kauf eines Kühlschranks vor einer Gewissensentscheidung: Effizienzklasse B oder A+? Allzu oft wählten die Kunden die günstigere Variante. Eine Bauchentscheidung gewiss, denn langfristig ist das Billiggerät teurer. Aber der Mensch entscheidet eben nicht immer nach Kalkül. Nun sind ineffiziente Kühlschränke nicht mehr erhältlich. Die EU hat dafür gesorgt, dass nur noch besonders sparsame Geräte vertrieben werden dürfen. Rund 500 Millionen Kunden werden so von der Gewissensfrage entlastet und leisten damit gewissermaßen unbewusst einen Beitrag zum Klimaschutz.

Unsere Technologien und Herstellungsverfahren werden durch Standards schrittweise naturverträglicher und effizienter. Das Konzept der Ökoroutine ist realistisch, wie die Erfolge der Energiewende zeigen. Das EEG hat Anreize für die Investition in die klimafreundliche Stromerzeugung geschaffen. Die EnEv hat die Effizienz von Neubauten drastisch erhöht und der Faktor-4-Pumpe hat die Ökodesign-Richtlinie zu Durchbruch verholfen. Für dutzende Produkte hat diese Richtlinie die Effizienz verselbständigt. Damit wandeln sich auch die Routinen, ohne dass den Kunden eine bewusste Entscheidung abverlangt wurde. So wird es möglich, dass sich ökologische Produktions- und Konsummuster quasi verselbständigen.

In der Praxis der Energieberater zeigt sich deutlich, wie effektiv und entlastend es ist, wenn sich durch Standards und Regeln die Routinen ändern. Während in den 1990er Jahren die Beratungsgespräche zu einem Gutteil um die Frage kreisten, warum es überhaupt sinnvoll sei, Niedrigenergiehaus-Standard zu bauen, dicker zu dämmen als durch WSchV vorgeschrieben oder einen Brennwertkessel zu wählen etc., und warum man sich das leisten sollte, änderte sich dies nach Einführung der entsprechender Standards oder als die Brennwertkessel ins Standardangebot der Hersteller und Installateure Einzug hielten, deutlich. Sowohl für meine Kunden als auch für die Energieberater vereinfachte sich vieles. Nun wurden Fragen der Motivation weniger wichtig. Energieeffizienz wurde zur Routine.

Limits

Damit grüne Technologien ihre Wirkung voll entfalten können, ist es an der Zeit, absolute Grenzen zu etablieren. Mit anderen Worten: Es gilt, die Expansion zu begrenzen. Notwendig sind Limits für Wohnflächen, Tempo, Parkplätze, Straßenbau, Flughäfen, Pestizide, Düngemittel und Kohlestrom. Wenn die Starts- und Landungen der Flughäfen auf dem gegenwärtigen Niveaus stabilisiert werden, dann können effizientere Flugzeuge absolute Verbrauchsminderungen herbeiführen. Statt von den Menschen einzufordern, weniger zu fliegen, ist es realistischer, die Expansion der Fliegerei insgesamt zu limitieren.

Mehr Staat und mehr Engagement

Sicher, politische Vorgaben lassen sich nur ins Werk setzen, wenn die Wählerinnen und Wähler sie mittragen. Ökoroutine verbindet den starken Staat mit dem Engagement an der Basis. Beide Kräfte können sich gegenseitig befördern. Anschaulich macht das die Geschichte vom »Aachener Modell«. Solarenergie-Förderverein Aachen hat 1992 sozusagen den Vorläufer des heutigen EEG etabliert. Auf solche Pioniere sind Politik und Gesellschaft auch zukünftig angewiesen. Pioniere, Interessierte und Engagierte aus den verschiedenen Milieus mischen sich in Politik ein und machen es zugleich möglich, dass sie ambitionierte Politiker im Klimaschutz durchsetzen können.

Fazit

Ökoroutine macht also verantwortungsvolle Entscheidungen nicht überflüssig, weder gesellschaftlich noch individuell: Wie groß ein A+++ Kühlschrank ist und mit welcher Temperatur er eingestellt wird, das bleibt weiterhin den Konsumenten überlassen.

Die Energiewende ist auf dem richtigen Weg. Rahmenvorgaben für den Markt sind zwingend notwendig, um die Transformation voranzubringen. Das belegen eindrucksvoll die zurückliegenden Erfolge in der deutschen Energiewende und die weltweite Investitionstätigkeit in naturverträglichen Strom. Die Energiewende ist damit Prototyp für die Transformation von Mobilität und Ernährung.

Der Autor Dr. Michael Kopatz

Dr. Michael Kopatz, Diplom Sozialwissenschaftler, studierte im Schwerpunkt Umweltpolitik/Umweltplanung und ist seit 1997 Mitarbeiter des Wuppertal Instituts für Klima, Umwelt, Energie (wissenschaftlicher Projektleiter in der Forschungsgruppe »Energie-, Verkehrs- und Klimapolitik«). Gegenwärtige Arbeitsfelder: Kommunaler Klimaschutz, Maßnahmen zur Vermeidung von Energiearmut, Arbeit und Nachhaltigkeit (Arbeit fair teilen), Lebensstilwende. Buchprojekte: »Zukunftsfähiges Deutschland«, »Zukunftsfähiges Hamburg«, »Energiewende. Aber fair!«. Sein aktuelles Buch hat den Titel »Ökoroutine. Damit wir tun, was wir für richtig halten«. 

Foto: Bernd Henkel