Energiewende ohne Erdgas kompromisslos

„Wer die Erneuerbaren nicht in der Kombination mit ERDGAS sieht, gefährdet die Ziele der Energiewende in Deutschland durch seine Kompromisslosigkeit.“ Ein Gastbeitrag von Dr. Timm Kehler, Vorstand Zukunft ERDGAS e.V

Wenn man mich fragt, wie die Energie der Zukunft aussieht, dann muss ich zunächst zurückfragen, welche Zukunft gemeint ist. Die Zukunft der jetzt Lebenden oder die Zukunft in 80 Jahren? Denn dazwischen wird ein gewaltiger Transformationsschritt liegen.

Im November 2016 sind die aktuellen Zukunftsprognosen der Internationalen Energieagentur IEA in ihrem „World Energy Outlook“ erschienen. Sie sagen eine weltweite Steigerung der Nachfrage nach Erdgas bis zum Jahr 2040 um 50 Prozent voraus. In diesem Zukunftszeitraum, so die IEA, wird Erdgas „der klare Sieger“ sein. Insgesamt wird in den nächsten absehbaren Jahrzehnten der globale Energieverbrauch um 30 Prozent höher liegen als heute. Neben Erdgas werden vor allem die erneuerbaren Energien, insbesondere Wind- und Solarenergie, den steigenden Energiebedarf abdecken, so die Prognose der IEA.

Was heißt das für unser Land? Lassen wir die Zahlen für sich sprechen – allen voran der Wärmemarkt, der mit 40 Prozent den größten Anteil am Energieverbrauch Deutschlands hat und damit großes Potenzial bietet, um Treibhausgasemissionen zu reduzieren. Denn jede sechste Heizung in Deutschland ist älter als 20 Jahre und ineffizient. Die gute Nachricht lautet: Gut 60 Prozent aller deutschen Haushalte heizen heute mit modernen Erdgasgeräten. In Zahlen übersetzt, sind dies rund 20 Millionen Wohneinheiten, die mit Erdgas warm werden. Im Neubau ist Erdgas seit Jahren die erste Wahl – in ganz unterschiedlichen Ausprägungen: als moderne Brennwertheizung, in Kombination mit einer Solaranlage auf dem Dach, als Mikro-KWK oder Brennstoffzellenheizung, mit Systemen also, die gleichzeitig Strom erzeugen. Gut 50 Prozent der Bauherren treffen heute eine langfristige Investitionsentscheidung pro Erdgas. Mehr als je zuvor, denn Öl-Heizungen spielen im Neubau keine Rolle mehr. Neben den Privathaushalten setzt vor allem die Industrie auf Erdgas – sowohl bei der Energieerzeugung als auch bei der Herstellung chemischer Produkte. Wir verfügen über eine topausgebaute Infrastruktur des Erdgasnetzes mit einer Ausdehnung von mehr als 500.000 Kilometern. Erdgas ist das Rückgrat der Energieversorgung in Deutschland.

Nach den Analysen der Internationalen Energieagentur wird Erdgas für die nächsten Jahrzehnte die Grundlage des globalen Energiesystems bilden. Im Gegenzug wird die Bedeutung von Erdöl und vor allem von Kohle signifikant und schnell zurückgehen. Bis 2040 werden die neuen Kraftwerke zu mehr als 80 Prozent erneuerbare Quellen sowie Erdgas nutzen, das bei der Stromerzeugung im Vergleich zur Kohle nur halb so viel Kohlendioxid freisetzt.

„Erdgas gehört an die Seite der Erneuerbaren auf dem Weg zu einer dekarbonisierten Welt.“

Um die Dekarbonisierung voranzutreiben, ist es in den nächsten Jahren wichtig, sich von veralteten Kategorien zu verabschieden. Wir müssen die Energieträger nach ihrem Beitrag zur Zielerreichung bewerten. Erdgas ist eine emissionsarmer und damit klimaschonender Energieträger und gehört nicht in einen Topf mit Kohle oder Öl, sondern konsequent an die Seite der Erneuerbaren. Wer die Erneuerbaren nicht in der Kombination mit ERDGAS sieht, gefährdet die Ziele der Energiewende in Deutschland durch seine Kompromisslosigkeit. Erdgas ist und bleibt ein Teil der deutschen Dekarbonisierungsgeschichte, denn es ist eine pragmatische, machbare und vor allem bezahlbare Lösung. Anders werden wir die Klimaschutzziele bis 2050 nicht erreichen.

So betrachtet, tragen wir zur Dekarbonisierung bei, wenn wir alte Ölkessel gegen moderne Erdgas-Brennwertkessel austauschen. Es ist auch Dekarbonisierung, wenn wir an Stelle von Benzin und Diesel im Auto und an Stelle von Atom, Braunkohle und Steinkohle schnell verfügbares Erdgas in dezentralen Kraftwerken und KWK-Anlagen einsetzen. Die Beispiele zeigen, es braucht vieler kleiner, sinnvoller Schritte, um das Große zu erreichen. Denn es sind in den kommenden Jahren die naheliegenden Lösungen, die uns deutlich auf dem Weg voranbringen können, ohne die Gesellschaft zu überfordern. Wir leisten mit der klugen Kombination aus Erdgas und Erneuerbaren schon heute einen gewaltigen Beitrag zur Reduktion der CO2-Emissionen und erzielen somit pro investiertem Euro messbare Wirkung. 

Und wie sieht die Zukunft in 80 Jahren aus? Wenn wir all diese cleveren Schritte vollzogen haben, um das erste Dekarbonisierungszeitalter mithilfe von Erdgas und Erneuerbaren zu meistern, dann ist die Zeit reif für die große und vollständige Transformation, für die wir den volatilen Strom aus erneuerbaren Quellen durch Power-to-Gas-Verfahren in erneuerbares Erdgas wandeln und in die heute schon bestehende flächendeckende Erdgasnetzstruktur einspeisen werden. Mit Power-to-Gas werden wir eines Tages günstigen Ökostrom gewinnen, ihn gasförmig speichern, transportieren und sektorenübergreifend nutzen: zum Heizen und zur Rückwandlung in Strom – dann, wenn wir ihn brauchen. Die Zukunft wird eine engere Kopplung von dezentralen, vielseitigen Energienetzen nach sich ziehen, bei denen intelligente, maßgeschneiderte Netzstrukturen der allgemeinen Versorgungssicherheit dienen werden. 

 

Für unser Land und seine Bürgerinen und Bürger müssen wir heute Anreize setzen, um mit modernen Erdgastechnologien konsequent Klimaschutz zu betreiben und langfristig die Akzeptanz für das Megaprojekt der Energiewende in Deutschland zu gewinnen.

Der Autor Dr. Timm Kehler

Dr. Timm Kehler ist Vorstand von Zukunft Erdgas e.V., der Initiative der deutschen Gaswirtschaft.

Der promovierte Maschinenbauer war vor seiner Tätigkeit als Vorstand der ZukunftErdgas e.V. über zwölf Jahre bei der BMW Group in unterschiedlichen Führungspositionen tätig.